U2 Berlin-Alexanderplatz

Berlin, Alexanderplatz. Einst das lärmende Herz der deutschen Reichshauptstadt, später die Vorzeigeplaza des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden und heute die größte nichtangefangene Baustelle des wiedervereinigten Regierungsberlins. Ein Platz mit Geschichte, aber ohne Geschehen. Eine Handvoll Menschen, die sich in seiner zugigen Leere verlaufen.
Doch der Eindruck täuscht, denn das wahre Leben spielt nicht auf dem Alex. Sondern darunter. In jenen grün gefliesten und spärlich beleuchteten Katakomben, die im Minutentakt ungezählte Menschenmassen zwischen dem S-Bahnhof und den U-Bahn-Haltestellen hin- und herpumpen. Ein Stück Stadt, das sich unter der Oberfläche seine eigenen Wege sucht und unerwartete Zusammenhänge schafft.
Vor 1989 verband der lang und elegant geschwungene Bahnsteigraum der heutigen U2 zwei völlig gegensätzliche Orte der realsozialistischen Bedürfniswelt: Ein großes Buchgeschäft im Ostflügel des Behrens-Baus am Südausgang und den Intershop im Hotel International an der nördlichen Platzseite des Alex. Wenn es regnete, konnte man die U- Bahnstation als unterirdische Passage benutzen, um mit dem neuesten systemkritischen Prosawerk unter dem Arm die westliche Konsumwelt bewundern zu gehen, sozusagen einmal durch die Mauer.
Seit 1958 war diese U-Bahn-Station am Alexanderplatz der "Kunst-Bahnhof". Im Rahmen der Initiative "Kunst statt Werbung" konnten Renata Stih und Frieder Schnock 1998 nun das ortsbezogene Kunstprojekt "einladung" präsentieren.
Aber dieser Ort ist kein Museumsraum, sondern eine U-Bahn-Station. Die Leute kommen nicht hierher, um ästhetische Weihen zu empfangen. Sie wollen im Grunde überhaupt nichts bestimmtes hier, sondern möchten einfach nur weiter, woanders hin. Dieser Ort ist eine reine Durchgangsstation, ein transitorischer Raum des kurzen Aufschreckens aus der Nachmittagsmüdigkeit und der metropolitanen Zerstreutheit. Als künstlerische Arbeit benutzt die "einladung" deswegen Formen der Publikumsansprache, die in der Werbung üblich sind. Statt den U-Bahnhof mit einem autonomen Kunst-Diskurs zu okkupieren, greift sie seinen Jargon auf und spricht eine Sprache, die man hier auch hören kann.
Genau diesen letzten freien Platz im Augenwinkel, diese Zehntelsekunde noch unbesetzter Aufmerksamkeit des flottierenden Großstadtbewohners besetzt die "einladung". Ihre plakativen Wortfetzen treffen direkt ins Unbewußte, das auf stand-by läuft, "kotzen", "müssen", "haha" - ein instantanes Innehalten, das die Neugier herausfordert, auch das Kleingedruckte wissen zu wollen.
Schritt für Schritt, von Tafel zu Tafel dämmert das Verständnis, das es sich hier vorwiegend um eine Präsentation von Berliner Selbsthilfegruppen handelt. Menschen mit Problemen, von denen man zwar weiß, daß es sie gibt, die aber nirgendwo wirklich in Erscheinung treten. Eine schweigende gesellschaftliche Unterschicht, eine Randgruppe im toten Winkel außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Nun stehen sie im Licht der Großstadt, sichtbar für jeden.
Und was habe ich mit ihnen zu tun, fragt sich der Passant. Und was der Alexanderplatz? Der Zusammenhang ist kontrapunktisch: Indem die Ausgeschlossenen kraft dieser doppelten Breitseite im öffentlichen Raum auftauchen, formuliert sich unausgesprochen die Forderung, sie als Teil der Gesellschaft zu betrachten. Und indem sich die Arbeit direkt und plakativ an die "Normalbevölkerung" wendet, fordert sie jeden Einzelnen zum Nachdenken über die Mechanismen dieser Ausschließung auf - zum Beispiel, welche Rolle er selbst dabei spielt. Das scheint im Untergrund ziemlich gut zu gehen, zwischen zwei Zügen, den Blick unbekannter Augen auf sich spürend. Und irgendwann muß man sich entscheiden: die "einladung" erwidern oder ihr ausweichen.
Andreas Ruby, Berlin 1998
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Stih & Schnock, "einladung",
Berlin-Alexanderplatz, U2
März-Oktober 1998